Schweinegrippeimpfung - Ja oder Nein?
Winterzeit – Grippezeit. Alle Jahre wieder. Wäre da nicht in diesem Jahr das Influenza-Virus A/h1N1H1N1, das unter dem Namen "Schweinegrippe" weltweit grassiert. Steigende Zahlen von Erkrankten und Todesfällen, Chaos in Impfpraxen, Engpässe beim Impfstoff, Kritik an Nebenwirkungen der Impfung: die Angst der Menschen vor der Seuche greift um sich. Der stadtaerzte-Internist und Diabetologe Dr. med. Matthias Riedl vom medicum Hamburg, beantwortet die wichtigsten Fragen:
Wie hoch ist tatsächlich das Risiko, an Schweinegrippe zu erkranken?
Bis zum Januar müssen wir damit rechnen, dass große Teile der Bevölkerung krank sein werden. Ich hoffe mit geringen Auswirkungen auf das öffentliche Leben und die Versorgung. Wenn man sich die Situation in Argentinien und in Thailand vor sechs Monaten betrachtet, wo nichts mehr ging, bin ich eher pessimistisch. Ich hoffe, dass Feuerwehr, Polizei und die medizinischen Berufe geimpft wurden. Denn wer soll die zusätzlich notwendigen Intensivmedizinischen Betten betreuen?
Wird mit der Bedrohung zu hysterisch umgegangen?
Eindeutig ja! Nach anfänglichem Desinteresse in Deutschland übertreiben die Medien jetzt. Gleichtzeitig besteht bei uns ein unverantwortliches Desinteresse bei zahlreichen Angehörigen der medizinischen Berufe bezüglich der Prävention und Impfung. In Skandinavien beispielsweise geht man vernünftiger mit der Epidemie um. Die Impfung von 70 Prozent der Bevölkerung läuft schon seit Oktober. Für eine Eindämmung der Epidemie in Deutschland ist es jetzt zu spät und es wurden mit 50 Millionen zu wenige Impfdosen bestellt und mit acht Millionen erheblich zu wenige geliefert.
Wie gefährlich ist der Erreger tatsächlich?
Tatsächlich ist die saisonale Grippe viel gefährlicher. Da das Schweinegrippevirus jedoch Anteile zahlreicher anderer Viren beinhaltet, unter anderem auch von dem des Vogelgrippe-Erregers, ist die Wahrscheinlichkeit für eine zunehmende Gefährlichkeit extrem hoch. Die Virusforscher hatten vorausgesagt, dass nach einer leicht verlaufenden Welle, wie wir sie im Sommer hatten, eine zweite große Welle folgen wird. Dies trifft jetzt ein. Schwangere sind jetzt schon zehnmal gefährdeter für einen schweren Verlauf der Virusinfektion. Chronisch Kranke haben eine drei bis sechs mal erhöhte Wahr-scheinlichkeit. Daten aus Amerika zeigen, dass bis zu zehn Prozent der schweren Verläufe tödlich enden können.
Wie wahrscheinlich sind die Nebenwirkungen der Impfung?
Nach Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO entsprechen sie denen der Impfung gegen die saisonale Grippe, wie etwa Schwellung der Impfstelle, leichte Temperaturerhöhung. Sehr selten sind allergische Reaktionen. Vorsichtshalber kann der Patient nach der Impfung 20 Minuten in der Praxis verweilen, da sich in diesem Zeitraum eine schwere allergische Reaktion zeigen würde. Diese kann einfach behandelt werden. Unsere Erfahrungen in unseren Praxen in Farmsen und Berliner Tor decken sich mit den Daten der WHO.
Warum gibt es eigentlich unterschiedliche Impfstoffe?
Auf der Suche nach dem besten Impfstoff mit der größten Impfwirkung gehen die forschenden Arzneifirmen verschiedene Wege. Der jetzt gebräuchliche beinhaltet einen Wirkverstärker, der den Impferfolg um zehn bis 20 Prozent erhöhen soll. Er ist aber fast doppelt so teuer. Warum das Bundesgesundheitsministerium sich für die teure Variante entschieden hat, weiß ich nicht.
Darf man sich gleichzeitig auch gegen die "saisonale" Grippe impfen lassen?
Ja, es können die Nebenwirkungen dann jedoch etwas stärker auftreten. Sonst muß ein etwa dreiwöchiger Abstand zwischen den Impfungen eingehalten werden.
Stimmt es, dass die Symptome der Schweinegrippe ähnlich der saisonalen sind? Wie kann man dann diagnostizieren, um welche Grippe es sich handelt?
Die Symptome sind ähnlich, da jetzt nahezu alle hochfieberhaften Infekte vom Schweinegrippevirus verursacht werden, erübrigt sich der Labortest.
Wie lange ist die Inkubationszeit?
Ein bis vier Tage. Problematisch ist, dass noch bis zu einer Woche nach Ende des Infektion Viren vom Erkrankten ausgeschieden werden, wodurch dritte bedroht werden.
Was ist der beste Schutz – neben einer Impfung?
Leider wird in Deutschland die Vorbeugung komplett vernachläßigt. Keine Hygieneaufklärung und Seife in den Schulen – ein Skandal. Wichtige Massregeln sind: 20 Sekunden gründliches Händewaschen vor dem Essen und nach dem nach Hausekommen, Niesen und Husten in den Ellenbogen, kein unnötiges Berühren von Fahrstuhlknöpfen mit dem Zeigefinger, Haltegriffe in der Bahn, keine Süssigkeitenschalen in den Büros. Alles, was andere Menschen angefasst haben, ist möglicherweise infektiös.
In den USA schlägt die Schweinegrippe viel härter zu als hierzulande, besonders Kinder sind gefährdet. Weshalb?
Risikofaktoren für eine aggressive Epidemie sind neue Viren, die in kurzer Zeit die gesamte Bevölkerung infizieren. Das Virus hat viel Gelegenheit zu mutieren – es kommt sozusagen in Übung. Es will uns ja ans Leben. Der Blick in die USA kann für uns in gewisser Wiese ein Blick in die Zukunft bei uns sein. Wir haben die Epidemie als eines der letzten Kontinente bekommen. Das Immunsystem der Kinder hat wenig Übung in der Bekämpfung von Virusgrippen.
Wie sind Ihre Prognosen hinsichtlich der Fallzahlen in Deutschland?
Bis zum Januar müssen wir damit rechnen, dass große Teile der Bevölkerung krank sein werden. Ich hoffe mit geringen Auswirkungen auf das öffentliche Leben und die Versorgung. Wenn man sich die Situation in Argentinien und in Thailand vor sechs Monaten betrachtet, wo nichts mehr ging, bin ich eher pessimistisch. Ich hoffe, dass Feuerwehr, Polizei und die medizinischen Berufe geimpft wurden. Denn wer soll die zusätzlich notwendigen Intensivmedizinischen Betten betreuen?
Haben Sie sich selbst impfen lassen?
Selbstverständlich und ich habe es gut vertragen. Stellen Sie sich vor, ich behandele eine schwangere Diabetikerin, die durch meine Ansteckung zu Tode kommt! Meine Familie ist auch geimpft. Mein Kleinster hat zwei Tage Schmerzen an der Injektionsstelle gehabt.
(Das Interview führte: Claudia Rammin)



